 |
Die folgende Auswahl wurde freundlicherweise von Egmont
Hesse vom
DRUCKHAUS GALREV zur Verfügung gestellt
Zu Morgen
Das erste Buch des
DDR-Autors Frank-Wolf Matthies
ist ein Beispiel
für die Veränderung des Gesellschafts- und Literaturverständnisses der letzten
Jahre. Die Gedichte und Prosastücke beschreiben die DDR-Wirklichkeit auf
beeindruckende Weise. Im Spannungsfeld von Beziehungslosigkeit, Verbitterung,
Ratlosigkeit und täglicher Verletzung vertritt dieser junge Autor das
Lebensgefühl einer Generation, die nicht verantwortlich ist für vergangene
Schuld, die nicht mehr bereit ist, das Bestehende zu akzeptieren, die anders
leben will. Da gibt es keine Angebote, keine Kompromisse mehr, aber schmerzhaft
genaue Beobachtungen. Unnachgiebig selbstbewußt und mit seltener
Eindringlichkeit und Ehrlichkeit besteht Matthies auf Beendigung der
Enttäuschung, und das gilt nicht nur für die DDR: „MORGEN werde ich mich aus dem
sessel / erheben & zu der tür gehen, die mich herausbringt / aus der mitte des
hauses, vorbei am geöffneten / balkon: sie wird meine hand nehmen mit der ihren
/ & sie legen in die andere: so werden wir es erreichen / den raum im großen
traumhaus ständig zu betreten / indem wir ihn verlassen: frei von schuld:
MORGEN“
Rowohlt Verlag,
Klappentext, 1979
Friede,
Gleichheit, Coca-Cola.
-„Diese
Scheißangst, die mir Mut macht“: Das erste Buch eines DDR-Schriftstellers.-
Glück sei schwer
in diesem „satten Land“. Er schreibe, bekennt der Lyriker, „für die rebellische
jugend“, die sich austobt bei Rock-Konzerten, „die arbeitet & lernt & / die sich
langweilt an / den straßenecken & den öffentlichen / plätzen der stadt, den
jugend / clubs & vor den fernsehgeräten / in den wohnstuben ihrer eltern / (die
sich ihre sprachlosigkeit / vorschweigen) & für ihre liebe & / für die rolling
stones“.
Diese Verse
beschreiben nicht etwa bundesdeutsche Realität. Frank-Wolf Matthies’ Gegenstand
ist die DDR, in der er lebt. Geboren 1951 in Berlin, war er nach Abschluß der
mittleren Reife als Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Reichsbahndispatcher,
Hilfsschuster, Grabenzieher und beim Fernsprechamt tätig. Wegen
„staatsfeindlicher Hetze“ befand er sich in Untersuchungshaft, anschließend
Wehrersatzdienst als Bausoldat. Seit 1977 lebt Matthies als freiberuflicher
Schriftsteller in Ostberlin.
Sein erstes und bislang einziges Buch –
Frank-Wolf
Matthies: „Morgen – Gedichte und Prosa“: dnb 122, Rowohlt Taschenbuch Verlag,
Reinbeck, 1979; 156 S., 10,-DM
Konnte nur in der
Bundesrepublik erscheinen, denn in der DDR hat Matthies Veröffentlichungs- und
Lesungsverbot. Schon wieder einer dieser gebeutelten Schriftsteller, die, bloß
weil sie den „realen Sozialismus“ an seinem eigenen Anspruch zu messen wagen,
stillgelegt werden?
Mit Matthies
meldet sich eine neue Generation von DDR-Oppositionellen zu Wort, in einer
Sprache, die derjenigen ihrer westlichen Altersgenossen nicht unähnlich ist.
Bereits das Motto des Buches: „Denn nichts als Verzweiflung kann uns retten“
(ein Grabbe-Zitat) drückt eine vielen jungen Menschen gemeinsame
gesellschaftliche Erfahrung in den späten siebziger Jahren aus. Frei von
historischer Schuld, daher verständnislos und voller Wut beobachten sie das
Staatstheater der Herrschenden, und es ekelt sie an. Sie wollen anders leben,
sich nicht länger im Dienst des angeblichen Fortschritts verplanen,
reglementieren, einsperren lassen, und so klagen sie ihr Recht auf
Selbstverwirklichung und Glück aggressiv ein. Jenseits der Frage nach ihrer
literarischen Qualität erscheinen mir Matthies Verse bedeutsam als eine Art
soziales Porträt von Teilen der DDR-Jugend. Die Repression wird nicht mehr als
„historisch notwendig“ legitimiert oder vorsichtig befragt (mit der Bitte, sie
doch ein wenig humaner zu gestalten), sondern heftig angegriffen.
Die Gedichte und
Prsosastücke dieses Bandes sind innerhalb von zehn Jahren entstanden und
chronologisch angeordnet. Man könnte sie unter die auch in der Bundesrepublik
wirksame Erziehungskurve fassen: Wie einem Optimismus und Lebensfreude
ausgetrieben werden; oder: Wie einer unter dem Druck kruder Verhältnisse,
gezwungenermaßen, sich politisiert. Noch zu Anfang, 1969, klingen Matthies’
Verse locker, harmlos, spontan. Jugendliche hocken im Arbeiter- und Bauernstaat
beisammen, sprechen über Mao und LSD, hören Zappa, sie sind nicht besonders
arbeitsam, nicht begeistert für den Staat, sie deklamieren „friede gleichheit
coca cola“ und finden die Erwachsenen mit ihren feierlich verlogenen Gesichtern
ziemlich komisch. Es sind die provozierenden Gesten der weltweiten
Jugendrevolte, der Rock-Musik; unbefangen zupackende Verse: „he, ich bin der
glücksgott / der kriegsgott bin ich auch / mit mir ist gut weintrauben / essen,
he, ich bin der glücksgott.“
Bis 1973 schreibt,
Matthies gereimte, liedhafte Texte, freche Moritaten, gebildet aus grotesken
Reihungen, wie man sie etwa bei Lyrikern zwischen Expressionismus und Dada
findet, bei Alfred Lichtenstein oder Jakob van Hoddis. Und wie sie besingt
Matthies den Wechsel der Jahreszeiten in der geliebt-gehaßten Großstadt: „der
frühling ist da. / die knospen platzen- / auf den mietskasernen / pfeifen massig
spatzen. / ich schrei gedichte ich singe lieder- / hier ist frühling / der
winter kriegt den nicht wieder.“
1974 beginnt
Matthies’ Gedichten ein immer lauter werdender Protest gegen das
allgemeingegenwärtige Kontrollsystem, gegen die Privilegien der Bonzen und
Mitläufer, anfangs noch in metaphorischer Verkleidung, als unbestimmte Wut auf
die „kälte“ der Stadt und ihrer Bewohner, in teilweise mißglückten Bildern, wenn
etwa von den „betonierten schamlippen“, dem „stahlbetonglied“ der Stadt die Rede
ist. Das Angstmotiv durchzieht von nun an Matthies‘ Verse, wie es sein Leben
prägt: „die angst zwingt mich / zu feinerem stil – sie zwingt / mich in die
metaphern / sie zwingt mich auch / formal – die angst, sie / ist für mich
produktiv.“
Produktiv in der
Weise, daß die Angst („diese scheißangst / die mir mut macht“) dem Autor hilft,
die Dinge so zu sehen, „wie sie wirklich sind“. In einem „Nachtrag ins
Vernehmungsprotokoll“ überschriebenen Gedicht formuliert Matthies eine Art
Bekenntnis. Er schreibe „für die benutzer der betonsilos“, für die
„wohnungssuchenden“ wie für die „6-zimmer-besitzer“, auch „für die parasiten
beim / wohnungsamt, in den büro-palästen: die deutsche / beamtensau“, für die
„feisten NEUEN DEUTSCHEN LITERATUR-verwalter“, „für die beamten der DEUTSCHEN
VOLKS / POLIZEI … die jeden zweifel / in feindschaft umdeuten / & jede kritik in
verrat“ – für sie alle schreibt er nun mit der Angst und dem Mut „des sich im
unrecht wissenden“.
Neben explizit
politischen Gedichten macht er weiterhin einfache Lieder, gereimte
Unsinnspoesie, Wortspielereien, Figurenporträts (so eines über den verehrten
Günther Bruno Fuchs, dessen Figur, in dichter, rhythmisch verknappter Sprache,
aus Sätzen und Redewendungen entsteht), Tierparabeln, ein Rätselgedicht, dessen
Lösung, aus den Anfangsbuchstaben der Verse gebildet, „WOLF BIERMANN WIEDER
SINGEN DARF“ lautet. Es gibt Gedichte, die – nach Préverts Vorbild – in der
puren Aufzählung von Gegenständen bestehen. Und es gibt schließlich fast
hermetische Verse, deren Bildlichkeit an Trakl und Benn orientiert scheint.
Dabei wirkt Matthies hilflos, in konventioneller Metaphorik und forcierter
Künstlichkeit befangen.
Fast durchgängig
verstößt Matthies, einzelne Worte und Sinneinheiten durch Zeilenbruch
zerhackend, gegen das „schöne“ Gedicht. Wo die Sprache unpoetisch und der
Rhythmus holperig wird, scheinen die zerstörerischen Bedingungen, unter denen
der Autor lebt, bereits in die Struktur seiner Texte eingedrungen zu sein,
Verhältnisse, die – ähnlich wie bei Peter Paul Zahl – so etwas wie Ruhe, also
Poesie nur noch ausnahmsweise (etwa als Zitat vergangener Kunstformen) erlauben.
Folgt man dem
Ablauf der Gedichte, so scheint sich die Lebenssituation Frank-Wolf Matthies’
1976 weiter zu verdüstern. Überall Schnee, Eis, Sturm, der „unsere lieder
überbrüllt“. Aber auch Widerstand gegen den „langsamen tod“, Anklage im Stil
Villons, mit zupackenden, gehackten Sätzen:
zwölf
hände reichen,
nicht mehr aus zu zählen
den abgang in den eignen
reihn. Die republik läuft aus
wie rostige spritkanister
: bald bin ich hier
mit honecker
allein
Widerstand gegen
Gewalt von oben, Kampf gegen Resignation und Verzweiflung – ein beunruhigendes,
in seiner subjektiven Konsequenz erschreckend mutiges Buch. Es zeugt von der
Verzweiflung des Vereinzelten, die die Mächtigen nicht wahrhaben wollen und die
die staatsloyalen Poeten mit schäbigen Ergebenheitsadressen zuzudecken
versuchen. „die federn fallen aus / & überall ist neues deutschland.“ Unter
Berücksichtigung der unterschiedlichen sozialen und historischen Bedingungen
scheinen mir Matthies’ Texte, bis in stilistische Mittel hinein, den frühen
Gedichten Enzensbergers vergleichbar, mit denen dieser stellvertretend für seine
Generation gegen Erstarrung und Hoffnungslosigkeit in Adenauers Staat
rebellierte.
Michael Buselmeier,
Die Zeit, 16.11.1979
Für die Benutzer
der Betonsilos.
-Texte aus zehn
Jahren: „Morgen“.-
Ein DDR-Autor nach
dem anderen verläßt das Land. Die Zahl derer, die dem ersten „Arbeiter- und
Bauernstaat auf deutschem Boden“ seit Biermanns Ausbürgerung im November 1976
für immer oder auf Zeit Valet sagten, ist immer noch im Steigen begriffen. Wer
bleibt denn noch und gibt Auskunft, nachdem Jurek Becker und Thomas Brasch,
Jürgen Fuchs und Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch und Reiner Kunze, Günter Kunert
und Hans Joachim Schädlich, Klaus Schlesinger und Bettina Wegner sich im Westen
niedergelassen haben, ob mit, ob ohne Besuchsrecht im Osten?
Gewiß, es gibt
noch immer eine stattliche Anzahl von respektablen Schriftstellern drüben: Adolf
Endler und Franz Fühmann, Stefan Heym undRichard Leising, Rainer Kirsch und Karl
Mickel, Heiner Müller und Stefan Schütz, Anna Seghers und Christa Wolf. Freilich
gehören sie alle der mittleren oder älteren Generation an und genießen auf Grund
ihrer Publizität auch unter den verschärften Strafgesetzen eine gewisse
Protektion.
Was aber ist mit
den jüngeren, den 20- bis 30jährigen. Schreiben sie überhaupt, und wenn ja, was
taugt es? Hat die konsequente sozialistische Ausrichtung von Kindergarten,
Schule, Universität, des Berufs wie großer Teile der Freizeit den neuen
Menschen- und Autorentypus hervorgebracht, der blind auf die Parteidoktrin
schwört? Gewiß, es gibt sie, die „jungen Poeten, die ihren Weltschmerz in die
Poesiealben der verordneten Meinung kotzen“, die „flüsternd und heldenhaft alle
offenen Türen eintreten“. Es gibt sie, die Bewohner der neuen „sozialistischen
Gartenlaube“, die „Kaputtgeförderten“, die „Wasserleichen der Lyrikwelle“.
Aber es gibt auch
noch ein paar andere. Einer von ihnen ist Frank-Wolf Matthies, 1951 in Berlin
geboren. Er hat wie mancher andere Autor eine bunte Palette von Berufen
aufzuweisen: Kunstschlosserlehrling, Bankhilfskraft, Hilfsschuster,
Grabenzieher. Früh hat er zu schreiben begonnen „Unbedacht oder überlegt“ ging
er umher in der Stadt und sagte halbe Sätze, etwa: „ Mit ihren Trommeln
antworten sie auf eure Frage, mit ihren Gewehren zerschießen sie euch, wenn ihr
handelt wie die, die ihr seit nach ihren Worten.“ So beschreibt Hans Joachim
Schädlich in seinem Text „Kleine Schule der Poesie“ die Anfänge von Frank-Wolf
Matthies, die ihn schnurstracks in die Untersuchungshaft führten.
Jung wie er war,
widerstand er den ausgeklügelten Methoden des Staatssicherheitsdienstes, seinem
wohldosierten Terror nicht und paßte sich nach seiner Entlassung eine Weile an.
Dann aber begriff er, daß auch er in den „Gleichklang gekrümmter Stimmen“
einfiel und daß er damit seine Sprache verlor, seine intellektuelle und
moralische Existenz aufs Spiel setzte.
Die in dem Band
„Morgen“ versammelten Texte aus zehn Jahren sind in der Tat das Wort einer neuen
Generation. Die 40-, 50-, 60jährigen messen den Zustand der DDR an der Not der
Weltkriegsjahre, am Terror der Hitler- und Stalinzeit, und im Vergleich dazu
erscheint ihnen manches eigentlich Unerträgliche in einem allzu milden Licht.
Autoren wie Matthies sind im „realen Sozialismus“ aufgewachsen, aber nicht mehr
bereit, die Schwächen und Verbrechen der Gegenwart mit dem Hinweis auf
schlechteres Irgendwann, Irgendwo zu entschuldigen: „Ich schreibe für die
Benutzer der Betonsilos am Röderplatz, der Leninallee und des
Hans-Loch-Viertels. Für die Bewohner der Dachwohnungen von Pankow bis
Friedrichshain, die Wohnungssuchenden und die 6-Zimmer-Besitzer. Auch für die
Parasiten beim Wohnungsamt, in den Büropalästen: die deutsche Beamtensau in
vollklimatisiertem Chrom und Glas. Auch für die Kuppler beim Standesamt. Die
Hehler der kommunalen Wohnungsverwaltung.“
So lautet ein Teil
seines poetischen Kredos, das er als „Nachtrag ins Vernehmungsprotokoll“ seinen
„besorgten Genossen Besorgern“ widmet. Er schreibt „über die Jahreszeiten. Über
den Frost und den März in Pankow und Prenzlauer Berg“, er schreibt „für die
Beamten der deutschen Volkspolizei … die jeden Zweifel in Feindschaft umdeuten
und jede Kritik in Verrat“. Das Programm dieses jungen Schriftstellers ist in
der Tat das ganze Leben, ohne Einschränkung, ohne Tabus.
Liebeslyrik und
Naturgedichte, Stadtlandschaften und politische Pamphlete – das alles findet
sich bei ihm und zudem in großer formaler Vielfalt. Matthies reimt und er
schreibt freie Verse, er ahmt das Taumeln eines betrunkenen Dichters im Zickzack
der Typographie nach, und er bastelt sogenannte Akrosticha. Verse, deren
Anfangsbuchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Gedicht im Gedicht ergeben.
Solche Dinge kennt man auch aus Shakespeares Dramen und aus dem Barock. Bei
aller politischen Absicht ist hier auch die Lust am Spiel vorhanden. Jedes
Gedicht ist anders. Man hat sich auf jedes neu einzustellen.
Ob Matthies diese
Variationsbreite durchhalten kann und soll, steht noch dahin. Manches ist erst
tastender Versuch auf dem Weg, den eigenen Stil zu finden. Aber nicht weniges
ist fertig, ja vollkommen und den Preis wert, den ihm die Strafbestimmungen der
DDR abverlangen könnten. Nirgends hat Matthies seine Hoffnung auf morgen
bündiger zusammengefaßt als in diesen sechs Zeilen:
Wenn die Nachfrage
steigt
steigen auch die Preise
Der Preis der Freiheit steigt
wenn die Nachfrage sinkt
Doch wenn alle nach ihr fragen
ist sie umsonst zu haben
Dieses aus dem
Jahr 1976 stammende (und Wolf Biermann gewidmete) Gedicht ist auf seine Weise
schlüssig und logisch. Freilich, was im Klassenkampf zählt, ist nicht die Logik,
sondern die Dialektik. Und das bedeutet leider, daß der Preis der Freiheit in
den letzten vier Jahren weiter gestiegen ist, obwohl die Nachfrage kaum gesunken
sein dürfte.
Karl Corino,
Hannoversche Allgemeine, 26./27.4.1980
Zu Patricia im Winter
Im November 1980
wurde der Ost-Berliner Autor Frank-Wolf Matthies
inhaftiert, und es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen den §
219 des DDR-Strafgesetzes gegen ihn eröffnet, d.h. wegen Veröffentlichungen im
Ausland, „die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden“. Gegenstand des
Verfahrens war u.a. Matthies’ Manifest „Auf der Suche nach Herrn Naumann“, ein
beeindruckendes literarisches Dokument der Anklage gegen das Klima der
Unterdrückung und Verfolgung in der DDR. Es eröffnet nicht von ungefähr den
vorliegenden zweiten Gedichtband von Matthies. Kompromißlosigkeit und
Verzweiflung – Haltungen, die die Kritik seinem ersten Gedichtband „Morgen“
bescheinigte – gelten allemal für diese 1979 und 1980 entstandenen Gedichte. Sie
zeichnen sich durch eine (für bundesrepublikanische Lyrikverhältnisse)
ungewöhnliche Formenvielfalt aus, vom Moritatenton zur Liedkontrafaktur, vom
Zweizeiler zum reihenden Langgedicht, von der gebundenen Form zum Prosagedicht.
Mit dem virtuosen Gebrauch der lyrischen Formen steht Matthies in einer
Tradition von Lyrik, die unter Bedingungen von Angst und Unterdrückung die
formale Contrebande gegen die Staatsgewalt setzte. In jeder Form sind aber der
Zorn und die Empörung spürbar, der Gestus der Anklage gegen Korruption und
Anpassung sowie das Einklagen von Glück.
Rowohlt Verlag, Klappentext, 1981
Deutschland im Winter.
Als im Mai 1979 Matthies’ erstes Buch („Morgen –
Gedichte und Prosa“) erschien, da lebte der Autor noch in Ost-Berlin. Im
November 1980 dann wurde er inhaftiert, wegen Veröffentlichungen im Ausland,
„die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden“; ein Ermittlungsverfahren
wurde gegen ihn eröffnet. Im selben Jahr erschien sein zweites Buch, ein Band
mit Erzählungen. Seit Oktober 1981 nun liegt seine dritte Veröffentlichung vor,
wiederum Gedichte (und Prosastücke, „Manifeste“ genannt, die der Verlag im
Untertitel verschweigt). Im Januar 1981 erhielt Matthies die Ausreisegenehmigung
und lebt seither im westlichen Teil Berlins.
Dies sind die biographischen Hintergründe einer
Schriftstellerexistenz, wie sie in den letzten Jahren so manche DDR-Autoren
aufzuweisen haben. Und diese Hintergründe sind es, welche die Feuilletonchefs
und Leiter der Verlagsabteilung „Werbung“ konsequent, wenn nicht rücksichtslos
ausschlachten, wenn es darum geht, neue Bücher der betreffenden Autoren auf dem
Markt durchzusetzen.
Oft jedoch erweisen sich die Werke selbst als
weniger publikumsträchtig, als viel weniger aufregend als die nackten
biographischen Daten. Nicht so im Falle Frank-Wolf Matthies: sein bisheriger
Lebensweg ist nicht bloß billiges Mittel zum Zweck, sondern der ganz konkrete
Ausgangspunkt seiner literarischen Arbeit. Matthies’ subjektive Erfahrungswelt
liefert ihm das Material für Texte vielfältigster Formen und Inhalte.
Matthies’ Verse, das sind Bilder der Angst, der
Ratlosigkeit, der Verbitterung; die Waffen, mit denen er sich gegen
Unterdrückung, Resignation und Verzweiflung wehrt, sind sein schier grenzenloser
Mut, seine Hoffnungen, sein entlarvender, hintergründiger Humor, der die
herrschenden Zustände nicht selten ins Absurde, Groteske steigert. Wenn es im
Manifest „Auf der Suche nach Herrn Naumann“ etwa heißt: „… also kommen da
plötzlich Zwei & installieren einen Fernsehapparat, was genauer heißt: Einer
arbeitet & der Andere versucht unterdessen mit mir über die Qualität des „Neuen
Deutschland“ zu diskutieren. Nach einer Stunde sind die 50 Gramm RONDO-Kaffee,
welche in aller Eile von Frl. Elvira C. beschafft wurden, gemahlen, aufgebrüht &
getrunken. Wenig später sind auch die beiden Telefonanschließer verschwunden –
ein Freund betrachtet das Telefon gründlich & findet so ein kleines
elektronisches Dingsda“, so sagen diese Zeilen erheblich mehr über den
DDR-Alltag aus als alle Klischees, die hierzulande kursieren.
Authentizität durch Bruchstücke Realitätspartikel
der abendländischen Konsumkultur: die Surrealisten werden zitiert, Werbeslogans
halten her, Pollux, Rilke, Adolf Hitler, Patricia, des Dichters Geliebte, der
preußische Dagobert Duck und viele andere illustre Köpfe mehr geben sich ein
feucht-fröhliches Stelldichein, und zwischen den Zeilen, auf dem Weiß der
Blätter, reimt sich zusammen, was dem Autor unter den Nägeln brennt, was seinen
Zorn, seine Empörung, seine Kritik heraufbeschwört. Ob in Zweizeilern,
Langgedichten oder Moritaten, ob in Liedform oder im Märchenstein, Matthies
knüpft vielfältigste Assoziationsketten, setzt Bezugspunkte, skizziert mögliche
Handlungsvarianten und bietet dem Leser genügend Freiraum für eigene
Überlegungen.
Der berühmt-berüchtigte Deutsche Herbst von 1977
gerät so langsam in Vergessenheit, doch das (allgemeine) Klima hat sich
keineswegs verbessert. Nicht nur in diesen Gedichten ist es Winter geworden,
Frost und Kälte sind längst nicht nur mehr Kräfte der Natur; eine eisige (Jahres)-Zeit
steht uns bevor, vielleicht trösten Matthies’ Gedichte über manches Unbehagen
hinweg.
Georges Hausener, Letzeburger Journal, 5.12.1981
FRANK-WOLF MATTHIES ADRESSEN AUS DEN
HEFTEN FÜR PATRICIA
Zwischen den Stühlen
Frank-Wolf Matthies, Jahrgang 1951, gehört zu jeden
Autoren, denen es auferlegt ist, zweimal einen Anfang zu machen. Dort wo er
herkommt, zur Sprachlosigkeit verurteilt und hier, eine neue Sprache zu finden.
Ein Mann zwischen den Stühlen mit dem Gepäck von gestern, und das wiegt schwer.
Seit Anfang der siebziger Jahre setzt sich Matthies mit dem
Leben in der DDR literarisch auseinander. Sein kritischer Blick und seine
Ehrlichkeit brachten ihn schon früh in Konflikt mit dem herrschenden System.
Nach mehreren Verhaftungen, alle Aufzeichnungen wurden vom MfS beschlagnahmt,
verlässt er 1981 das Land, das seine Entwicklung so sehr geprägt hat. Den Rücken
gebeugt von dieser Last, seine Manuskripte und Aufzeichnungen nur noch im Kopf,
geht er seinen Weg in das andere Deutschland.
Angekommen in der „neuen“ Welt schreibt er „- durch den
Briefschlitz nicht zu hindern / Feindesland in Muttersprache drückt mir sacht
die Kehle zu / und kein Trost in stummen Händen eingefangen von der Fremde bin
ich krank vor kalter Sehnsucht-„.
Ist in diesen Zeilen, wie auch in anderen Gedichten vom
Anfang der achtziger Jahre noch die Gebrochenheit des DDR Alltags zu spüren, so
wandelt sich dies zunehmend. Matthies beginnt, sich mit der Mediensprache
auseinanderzusetzen, immer im Bezug auf konkrete Anlässe. Dabei hat er den
Einzelnen im Blick, vermeidet es konsequent zu pauschalisieren.
So schreibt er: „In der Nacht zum 14. Januar steht der
25jährige Hans-Georg Schulz auf dem Autobahnparkplatz / Richtung Kassel / mit
zwei geladenen Pistolen / auf irgendwas wartend / bis er Scheinwerfer sieht: /
„Ich wartete / bis er ihn drin hatte / dann drückte ich ab“
Die Auswahl der Gedichte dieses Bandes zeigt den Weg eines
Menschen, der jegliche Scheinheiligkeit verabscheut, der wachrütteln will, der
etwas zu sagen hat, der immer zur Veränderung drängt, indem er uns den Spiegel
vorhält. Ein Skeptiker und Mahner – er bleibt kein neutraler Beobachter, sondern
wird zum mitfühlenden Partner. Ein Grund, dieses Buch zu empfehlen. „Die Angst,
ein täglicher Begleiter – was morgen wird, sie hats erdacht; / und dennoch
weiter, weiter... / die Augen zu und laut gelacht. / Nur nicht zögern, nur nicht
zagen – wer verzagt / geht auch schon unter; stets von neuem muß ich’s wagen /
wenn auch schaudernd munter, munter...“
Christian Scherfling Neues Deutschland 10.12.93
FRANK-WOLF MATTHIES VON DER EROTIK DES
ZEITEN VERNICHTEN
Grölend wie lispelnd, rasant wie bedächtig, schmissig wie
zögerlich, rauh und nicht minder sanft, o.k! Trotzdem, was bedeutet solche
Akkumulation unterschiedlichster Gedichte – und einige von ihnen gehören zu den
beachtlichsten der letzten Jahre –, was soll es uns sagen, soll es uns
vielleicht sogar verhöhnen, wenn einer an einem einzigen Tag, nämlich am 10.
April 2000 nicht weniger als 7 Gedichte entstehen läßt (und es nicht verbirgt,
sondern mittels Datierung hervorhebt), an einem anderen 4, an einem weiteren
„nur“ 3; etc.? Mit einem (etwas langen) Satz: Wie all die tollen Bücher und
Büchlein von Frank-Wolf Matthies stellt auch dieses für den Leser wie für den
Kritiker eine ganz schön gepfefferte Herausforderung (bzw. Zurückweisung) dar
wenn auch auf die ziemlich singuläre Weise dieses Mannes, die freilich trotz des
besten Willens unseres Autors nicht verhindern kann, daß wir hier eine nicht
kleine Zahl von Texten finden, denen wir von Zeit zu Zeit wiederbegegnen
möchten, zum Beispiel dem langen Gedicht „Wildau im September“, dem vermutlich
bisher trefflichsten, poetischsten Werk zum Thema „Nachwende-Osten“, daß
indessen auch unter den 7 Gedichten verschiedener Gewichtigkeit vom 10. April
2000 kein einziges sich finden dürfte, dessen der Autor sich schämen müßte! Und
überhaupt: Dieser wüste Vater-und Mutter-Ubu-Spezialist in den märkischen
Forsten, im wunderbar „besungenen“ Friedrichsthal
hinter Oranienburg, die Welt und den „Zeitgeist“ bespuckend; lobend aber die
arme Pfütze vorm Häuschen... usw.; nein, ich will es auf eine Reihung von
Formeln nicht ankommen lassen, keine träfe ganz. Auch als späten „Beatnik“
(Gerrit-Jan Berendse) würde ich ihn nur im äußersten Notfall bezeichnen. (Was
diesen Punkt betrifft, käme eventuell als eines der Beweismittel das
„Gelegenheitsgedicht auf eine alte Jacke“ in Betracht.)
Nein, ich habe nicht die Absicht, hin und her irrend endlich die einleuchtende
Formel zu finden, die die Leistung von Frank-Wolf Matthies faßt (er-faßt).
Vielleicht darf man aber dennoch so zusammenfassend wie vage sagen: Es ist die
konvulsivische Widerborstigkeit der matthiesschen Existenz schlechthin (inclusive
seines vielfältigen Werkes, das sich jeder geschmeidigen Plakette widersetzt.
Wer trotzdem solche Plakette bosseln könnte, würde mit Sicherheit alsbald einen
Strich durch seine glatte Rechnung gemacht bekommen – und so geht es in dem
vorliegenden Band von Phase zu Phase, oft von Gedicht zu Gedicht – und zwar
unter Umständen so rabiat, daß mancher eher geneigt sein wird, die Beziehungen
zu dem Herrn und seinem Werk abzubrechen. Anders ausgedrückt: Vor allem den
besseren Sammlern ist zu empfehlen, alles zusammenzusammeln, was unter dem Namen
Frank-Wolf Matthies publiziert oder nicht publiziert worden ist; vorher sollte
man sich eine nicht zu winzige Schatztruhe kaufen.
Adolf Endler Berlin, d. 23. 08. 2001 (aus dem Galrev
Katalog)
Frank-Wolf Matthies, der andere mit der
kleinen Besonderheit, ist ein bedeutender Heimatdichter unseres Ostens.
Von der Erotik des Zeiten vernichten heißt sein neuer Band. In hohen
Tönen lobt Adolf Endler Vielfalt, Vielform und Vielstimmigkeit des matthiesschen
Werkes: „grölend wie lispelnd, rasant wie bedächtig, schmissig wie zögerlich,
rau und nicht minder sanft...“ Und das lange Gedicht „Wildau im September“ ist
ihm „das vermutlich bisher trefflichste, poetische Werk zum Thema ‚Nachwende
Osten’...“ Da will man sich nicht einmischen. Wildau, im Berliner Umland, dort
lebt Matthies, Kontenführer, Reparatur-Schuster, Dispatcher, Kellner,
Taxifahrer, Leichenwäscher, Kameraassistent, Grabenzieher, Bausoldat,
Eisverkäufer, Filmvorführer... Verhaftungen, Bedrückungen. Ach ein leichtes Leben
hat der nie gehabt. Heute:
„Was ich im Leben bin, läst sich schnell sagen: ein
Einsiedler zu sechst – mit meiner Frau, unserem Hund, der Katze und zwei
Kaninchen – der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, nicht, oder nur sehr selten
mit seinen Zeitgenossen zu verkehren...“ „Und wir zwischen / den Sesseln
und / Stühlen: / mit nichts als / Gefühlen - / zerbröckelt, verbetoniert, /
gestöckelt..., heißt es in „Mühlen“.
So bittersüß Matthies’ Exkursionen in Restnatur und
Restleben im Datschenland sind, wie von weit her die alten Dichter-Träume von
der feuchtschimmernden, bestiegenen, heilenden Frau, hier wird er aus anderen
Gründen dringlich ins Feld geführt: Matthies knittelt in rüden, rücksichtslosen
Versen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse nieder, und das ist
wie wieder atmen dürfen, nach all den Windungen und Sedierungen mit Niveau der
Bildungsboheme und dem Plätschern im Entlegenen. Es ist eine Frischluftdusche
und es tut so gut, weil es Zeit ist: „Bewusstsein muss wieder Bürostunde haben!“
Mindestens.
Ein Arsch muss wieder ein Arsch genannt werden, die
Globalisierungswichserei ein alter verkommener Dreck, kapitalistisches Rasen,
Mercedes-Sterne in Mitte zu ernten und sie umgeschmolzen über Bethlehem leuchten
zu lassen, eine Ehre; „die Mitte“ sei wieder ein Loch und das Dauergrinsen muss
aus den Zähnen geschlagen werden! So steht es geschrieben. Schon verhöhnt uns ja
die zarte Weltneuheit: „Ein kleines Bewußtsein und ein großes Bewußtsein
liegen mit ihren Füßen im Waldmoos...“ („Der Ablaß“)
Böller aus der Matthies-Kanone: „... Die mächtigen Freunde
in Übersee/ wann immer ich mir die News in meine vier Wände hole / Immer
nur Grinsen / Grinsen und Kriege um Kohle / Das Leben ist wie ein einziges
Schmieren- nein Grinsetheater / jetzt grinst der Sonnyboy / vorher
grinste der Vater / Ich versuche erst gar nicht nach oben zu linsen / muß ich
doch fürchten: auch da oben ein Grinsen...“ („Alles Prima“) „... Wie eh & je.
Dieselbe Tristesse wie / im 20sten Jahrhundert, im 2ten Jahrtausend, //
dieselben blöden Arschgesichter, dieselben / in den Fernsehnachrichten,
dieselben verlogenen // Sprüche aus den grinsenden Löchern in / Denselben blöden
Arschgesichtern über denselben // Titten, oder aber den adretten Krawatten /
Derselben Strolche aus Kunst & Politik, alles // Wie gehabt: der
fabrikneue Müll der Versandhaus- / Kataloge, das Narrengedudel der Hitparaden,
die // Allgemeine Verblödung, die Sehnsucht nach / Vermassung, nach lustloser
Spaßgemeinschaft, // Gestank, Geflimmer, Gefotze (‚Schröder die Fotze’ //
Gesprächsfetzen, vorbeigeweht, am halboffenen / Autofenster, Oranienburg,
Vorortnachmittag, vorbei // Die Zeiten, da Arschloch noch kein // Kompliment und
Fotze nur uns beide was / Anging, von einem Staatstrolch mindestens // Soweit
entfernt, wie die beiden Enden / Von Dantes Wanderung) ...“ (21stes
Jahrhundert“)
„... Der / Tellerrand ist / der Tellerrand. Wer aber /
Klimmzüge machen muß / darüber hinweg zu / blinzeln, der ihn nicht hoch / kriegt
und sich nicht / hoch kriegt, der kann nicht / zugleich in der Mitte sein. Aber
/ dann ist doch Deine Mitte gar nicht / die Mitte, dann ist doch da eine / und
da eine und da / vielleicht auch noch eine / höre ich schon den coolen Mr. Cool
/ zwischen zwei Geldbündeln / einwenden. Genau so / die Mitte des
Bürgerrechtlers / ist das Arschloch / das seine Rentenbescheide / ausscheißt und
die Mitte der netten / Psychologin ist da wo Chiquita ein & aus geht und
die Mitte / all der Stasi-Enttarner ist ein riesiger Scheißhaufen aus Zelluloid
/ Bunkerbeton und muffigen / Erinnerungen...“, sagt Matthies und steckt seinen
Ringfinger in die Saftmitte von Kim Carnes („Ihr da, an den Rändern“). „Ich
wünschte“, wünscht Matthies, „Gott griffe zum Telefonhörer, nachts halb drei...
Hör zu, nimm Deinen 38er und geh los“ Wer wünscht das nicht.
Kommune 5/2002
FRANK WOLF MATTHIES AENEIS
Wie einst Ginsberg kündigt Matthies im aggressiven Ton
seine Aversion gegen den anonymen Moloch Staat an. Die an Hofmannsthals
berühmten Chandos-Brief (1902) erinnernde, von vielen seiner Generationsgenossen
in der Prenzlauer-Berg-Szene heraufbeschworene Sprachkrise bleibt bei ihm jedoch
aus. Statt dessen verfeinert er seine sprachlichen Agitationen in der Form
politisch-engagierter Klartexte, nistet sich in der kulturpolitischen Ruine ein
und erklärt den Ostberliner Stadtbezirk zum »Freistaat des Skurrilen«. In den
Texten, die er in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre schrieb, treten
Matthies´ fiktive Figuren – ins Handgemenge der Macht geworfen – als Sprachrohr
ihres Schöpfers auf. Dabei bietet sich die Arena der Subkultur als Verstärker
seiner Stimme an. Urbanität, Mobilitätssucht, Hedonismus und Außenseitertum
bestimmen die Szenerie, in der immer wieder der Beat-Habitus glorifiziert wird.
Der Dialog mit der Literatur der nordamerikanischen BeatGeneration findet jedoch
selten direkt statt. Die meisten intertextuellen Korrespondenzen sind aus
zweiter Hand, d. h. angereichert von jenen Schriftstellern aus Ost und West, die
als deutsche Vermittler des Beat bezeichnet werden. Insbesondere die
Wahlverwandschaften mit Wolf Biermann, Adolf Endler und Rolf Dieter Brinkmann
sind prägend für das Schreiben von Frank-Wolf Matthies.
Die Brisanz der Matthies´schen Poesie und Prosa liegt nicht
so sehr in der epigonalen Tugend, sondern vielmehr in der Hartnäckigkeit, mit
der der Autor sein Sujet durch die Jahre hindurch präsentiert. Dabei hat er nur
ein Thema: Prenzlauer Berg. Auch nach seinem »freiwillig-gezwungenen« Umzug nach
Westberlin im Januar 1981 klammert er sich an die Beschreibung bzw. Simulation
dieses Topos fest. In der Zeit nach dem existentiellen Bruch, als er die Ahnung
des Subkulturellen wenigstens fiktiv wiederzubeleben versuchte, manövrierte sich
dieser Ost/West-Beatnik außerhalb des Rahmens jedweden literarischen
Kanons.
gerrit jan berendse(aus dem Programmheft Galrev)
Der Prenzlauer Berg ruft
Frank-Wolf Matthies sendet eine letzte
Botschaft aus dem Viertel
Zu den frühesten Botschaften, die das lesende Publikum im
Westen vom Prenzlauer Berg erreichten, gehörten die Rowohlt-Bändchen „Morgen“
(1979) und „Unbewohnter Raum mit Möbeln“ (1980) mit Prosa und Lyrik von
Frank-Wolf Matthies. Ihre Tonart – aggressiv, ironisch, phantastisch – war so
vielversprechend, daß sein erstes größeres Prosabuch nach seiner Übersiedlung in
den Westen, das „Tagebuch Fortunes“ (1983) in der Edition Suhrkamp erschien.
Günther Grass nahm den jungen Kollegen bei sich auf, als
Berliner Stipendiat zog er 1983 in die Villa Massimo ein. Seine nächsten
Veröffentlichungen ließen ahnen, dass er an einem Opus Magnum arbeitete, das auf
den Spuren seiner Vorbilder James Joyce und Arno Schmidt ein phantastisches
Panorama seiner inneren Fluchtwelten verhieß. Bruchstücke erschienen in
Pressedrucken, wie „Gelächter“ (1987), „Franz Löwenhertz“ (1987) und „Inventar
der Irrtümer“ (1988). Sie machten ihre Leser vertraut mit der Hauptfigur Bennie
Cero, mit realen, irrealen und surrealen Schauplätzen zwischen Lychener Straße
und Schönhauser Allee und nicht zuletzt mit der Poetologie des Autors: „Einzig
was in der Phantasie existiert, existiert tatsächlich – lebt, einzigartig,
universal...unsterblich.“
Das zielte weit hinaus über konventionelle Formen des
Erzählens wie den Romanen oder Tagebüchern selbst in der Art von Adolf Endlers „Tarzan
am Prenzlauer Berg“, mit dem es sonst manche Gemeinsamkeit gibt. Auch Endler hat
übrigens ein Opus Magnum in Aussicht gestellt („Nebbich“), dessen Ankündigungen
Frank-Wolf Matthies in seinem „Tagebuch Fortunes“ ironisiert hat: mit der
fiktiven Verlagsangabe Mitteldeutscher Verlag Halle 1994. Das war 1983.
Inzwischen hat der Jüngere den Älteren im Wettlauf um das Monumentalwerk
überholt – aber ohne einzuholen? Seine „Aeneis“ liegt jetzt jedenfalls vor,
wort-, phantasie- und anspielungsreich wie schon im „Tagebuch-Fortunes“
verheißen: „Kann man Roman nennen, was wir machen? Es ist etwas anderes, wir
schreiben keine Romane mehr. Ich spreche nicht gern davon, aber es ist eine
imaginäre Arbeit der reinen Einbildungskraft...Natürlich spielt die Erinnerung
mit, aber es handelt sich um Einbildungskraft, um deren Versuch, dem
Durcheinander zu entkommen.“
Matthies hat diesen Versuch auch ganz wörtlich unternommen,
was seiner Riesenarbeit vielleicht den Zeitvorteil gebracht hat: Er hat sich
1994 nach Friedrichsthal an der Oder zurückgezogen, wie einst Arno Schmidt nach Bargfeld, während Adolf Endler weiter als Inspirator und Kommentator im
Durcheinander des Prenzlauer Bergs wirkt. Das hat – für Matthies – Vorteile und
Nachteile; den Vorteil größerer Konzentration, den Nachteil der Entfernung vom
Gegenstand. Mancher Witz, manche Pointe und mancher Kalauer – zum Beispiel
einer, der auf Heinz Kahlau zielt – ist seit seiner Niederschrift in den letzten
zehn Jahren nicht mehr recht aktuell. Muß man Volker Braun noch als „Follower
Brown, an Kröten erstickt“ verhöhnen, Lutz Rathenow als „Dichter Rattenews über
seiner letzten Kurzprosa“ veralbern, Bernd Jentzsch gar ins „Schreber-Land“
versetzen, um alte Rechnungen zu begleichen, die noch auf Mark der DDR lauten?
Und dann noch eins draufsetzen: „Der Leser späterer Zeiten verzeihe, dass ich
ihn von Leuten unterhalte, die er nicht kennt?“ Das könnte auch auf den Autor
zurückfallen.
Gewiß schlägt er noch hübsche Funken aus den patiniertesten
Begriffen der DDR-Nostalgie, etwa: „Sie brannte vor Neugierde wie ein
unbeaufsichtigter Goldbroiler.“ Oder: „Das Herz des Gouverneurs war leer wie die
Rede an den nationalen Feiertagen oder die Proklamationen der Opposition.“
Aber über weite Strecken siegt die boshafte Erinnerung eben
doch über die reine Einbildungskraft, die von einer „Aeneis“ als kaum verhüllte
Paraphrase auf den „Ulysses“ verlangt werden kann. Kein großer innerer Monolog
trägt dieses Epos vom Prenzlauer Zauberberg: es sind eher die kleinen Slapsticks
und eingeschobenen Märchenstücke, die den Leser gewinnen. Ob das ausreicht, dem
Verfasser den erhofften Ehrenplatz auf dem Prominentenfriedhof Chausseestraße zu
verschaffen – „ins madige Gestade gebettet zwischen Kurt Schwitters, Céline,
Joyce und Endler, bestiebt von Murphy’s Asche“ – muß hier nicht entschieden
werden. Mit diesem Werk ist der heute 45jährige Autor jedenfalls längst nicht
über den Prenzlauer Berg.
Hannes Schwenger Der Tagesspiegel 27.4.97
FRANK WOLF MATTHIES OMERUS VOLKMUND
Diese Erzählungen übertragen (und wir unterscheiden ja
durchaus begründet des weiteren zwischen Übersetzen und Nachdichten)
gesellschaftliche Zusammenhänge in ihre ungeselligen, polarem Erbe
entsprechenden Effekte: inerseits die offizielle Vermengung und demgegenüber
jenes Ich, das, vom sich angeeigneten Bilde ausgelöscht, meint, in Ehren sich
Wehren, sei der Text und aus dieser angenommenen Identität schreibe sich
Geschichte.
Aber selbstverständlich ist es so, daß der Text sich
schreibt und die einzigen, die dies nicht wahrhaben wollen sind die Namen, die
ihn erleben. Daher einst die Spannung von Literatur, diese ungeheuerliche Nähe
und Ferne zugleich.
Frank-Wolf Matthies hat Zeit, weil er Texte schreibt, die
sich nicht auf das Phänomen als solches stürzen, um in ihm verloren zu gehn.
(aus dem Galrev Katalog)
„Das habt ihr
mit mir gemacht“
„Omerus
Volkmund“ von FRANK-WOLF MATTHIES
Dreizehn Jahre hat es gedauert, ehe Frank-Wolf Matthies in
der Lage war, einen Schlußstrich unter einen Lebensabschnitt, geprägt von
literarischem Widerstand in der DDR, Veröffentlichungsverbot, Beschlagnahmung
aller Manuskripte durch die Stasi, Übersiedlung in den Westen und nicht zuletzt
von dem durch die Wiedervereinigung vereitelten Versuch der Abschottung und des
Vergessens. Mit diesem Buch nun macht er reinen Tisch. Bewußt wählte Matthies
die Prosaform, erscheint ihm doch Lyrik, da oft zu verschwommen und unkar, als
nicht verständlich genug. Hier geht es nicht um literarische Spielerei, er will
sich verstanden wissen, in brutaler Deutlichkeit zeigen: „das habt ihr mit mir
gemacht“. Durch alle fünf Geschichten des Bandes zieht sich wie ein roter Faden
die Abrechnung – bitterböse, sarkastisch. Besonders auffällig ist dies im
Titeltext „Omerus Volkmund“. Matthies beschreibt hier die „Herstellung einer
sozialistischen Literatur“, gesteuert durch Partei und „Chefideologien“, bei der
Autoren und Texte austauschbar werden. „Erik Görlich“ oder das „Neutsch“, sei
das nicht wechselbar ohne Wehen? „… einen Darsteller für das „Neutsch“ zu
finden, hat meines Wissens dann doch noch geringere Mühe bereitet… in deutschen
Landen, wo ohnehin jeder zweite ein Polizist in Wartestellung ist…“ Das ist kraß.
Die Schärfe des Textes erinnert an Bernhards Auseinandersetzung mit seiner
Heimatstadt Salzburg.
Voller Zorn steckt auch die Erzählung „Über das
Verschwinden – Person und Werk Henri Goldmanns“. Hier prügelt Matthies
hemmungslos, und wohl oft zu recht, auf die „aasgeierähnliche Berichterstattung“
der Presse ein. In aller Zuspitzung greift er das weitverbreitete Prinzip der
Reduzierung auf die Schlagzeile, der Unterordnung aller sachlichen Belange unter
die Verkaufszahlen an. „Sie kommentieren nicht die Bewegung des Pöbels, sondern
der Pöbel bewegt sich nach ihren Kommentaren.“ Leider enthält sich Matthies
jeglicher Differenzierung, disqualifiziert durchaus zutreffende Feststellungen
durch einen wüsten Rundumschlag.
Man liest dieses Buch mit Nachdenklichkeit und Wut. Was
bleibt, ist die Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit und ein bitterer Geschmack
auf der Zunge.
Christian Scherfling Neues Deutschland
|
 |